Schönheit nährt meine Seele
von Beatrix Stoermer
In der heutigen Zeit legen immer mehr Menschen großen Wert auf gesunde
Ernährung. Dabei wird oft übersehen, dass nicht nur der Stoff, die Möhre
oder die Kartoffel, das Nährende ist, sondern die Weise, wie die Sinne
angesprochen werden. Es ist vor allem der Geschmack und damit auch der
Geruch der Speisen, der uns erfüllt. Wir nehmen mit dem Essen und Trinken
Lebensenergie zu uns, die auch Chi, Ki, Prana oder Mana genannt wird.
Wenn wir eine sorgsam zubereitete Speise zu uns nehmen, genießen wir das
Aussehen; wie etwas angerichtet ist, erfreut uns und stimmt uns auf den
Genuss ein. Dann erfüllt der Duft der Speise den Raum und weckt
Erinnerungen. Der Geruchssinn ist für das Überleben wichtig, am Geruch
erkennen wir die Mutter, wir riechen die Gefahr und auch den Sexualpartner
wählen wir über den Geruch. Und schließlich ist der Geschmacksinn beteiligt,
der zum großen Teil mit dem Geruchssinn verbunden ist. Jemand, der nichts
riechen kann oder stark erkältet ist, kann auch nichts schmecken und bemerkt
höchstens noch heiß/kalt, vielleicht süß/sauer oder scharf sowie bitter, die
feinen Nuancen sind nicht vorhanden.
Manchmal essen wir und werden einfach nicht satt, das bekannte
MacDonalds-Phänomen, weil zu wenig Geschmacks- und Geruchsnerven
angesprochen werden. Aus den USA kennen wir die einseitige
Fastfood-Mangelernährung (süß und fett), hier bei uns den
Junggesellen-Skorbut, verursacht durch Tiefkühl- und Fertiggerichte, die
nahezu vitaminfrei sind. Hier wie dort versuchen die Menschen die
Mangelerscheinungen durch Nahrungsmittelergänzungen auszugleichen. Das sind
oft geschmacklose Pillen oder Pulver, die zwar bestimmte fehlende Stoffe
enthalten, aber durch ihre Künstlichkeit und Konzentration andere Probleme
verursachen können.
Wenn wir etwas essen oder trinken, das viele verschiedene Düfte und
Geschmäcke enthält, reicht schon eine kleine Portion, um satt zu werden und
uns ein Gefühl des Wohlbehagens zu verschaffen.
Die Sinne sind im Menschen ja die Brücke zum Körper und zu den
Lebenserfahrungen. Der Mensch als geistiges oder spirituelles Wesen ist
nicht auf die Körperlichkeit begrenzt, doch erfährt er durch seinen Körper
die Welt.
Doch nicht nur die Abwesenheit von Geschmack, auch unsere eigene Abwesenheit
bei der Nahrungsaufnahme durch das Lesen der Zeitung oder Fernsehgucken,
nimmt uns den freudvollen Genuss. Wenn wir beim Essen problematische
Gespräche führen, in Gedanken schon in der Zukunft sind oder
Schreckensmeldungen aus aller Welt hören, bleibt uns das Essen im Hals
stecken oder liegt wie ein Stein im Magen, nahezu unverdaulich.
Und so wenig wie uns ein industrielles Fertigprodukt den Genuss und die
Erfüllung einer frisch zubereiteten Mahlzeit geben kann, ersetzt eine Serie
im Fernsehen unser menschliches Grundbedürfnis nach Wärme, Austausch und
Wachstum.
Auch wenn hier Geschichten erzählt werden, befriedigt das Fernsehen nicht
wirklich unsere tiefe Sehnsucht nach Begegnung mit einem anderen Menschen
und dadurch mit uns selbst. Denn erst im Du wird der Mensch zum Ich, wie
Martin Buber sagt. Hier bekommt das Leben Sinn, wird sinnvoll. Und kein
Film, keine Serie kann mir das Erlebnis eines Moments der Wahrheit und
Schönheit in einer Begegnung ersetzen. Wenn wir keine eigenen sinnlichen
Erfahrungen mehr machen, keine Nacht mit Freunden am Feuer unterm
Sternenhimmel, kein Spaziergang im Regen, keine Sonnenuntergang am Meer
erleben, verliert das Leben an Sinn. Gerade in der Verbindung zur
natürlichen Schönheit ist es für die meisten Menschen leicht die
Verbundenheit mit dem Göttlichen, dem Spirituellen zu erleben.
In einer Zeit und Gesellschaft, in der nur das zählt und als wirklich gilt,
was sichtbar und messbar ist, haben wir es schwer unser Eingebundensein in
die Schöpfung zu fühlen. Die städtische Umwelt und die Individualisierung in
der Gesellschaft täuschen eine Unabhängigkeit vor, die uns trennt aber nicht
frei, sondern arm macht. Wie das Essen bei den Fastfood-Ketten schmeckt das
Leben fade, macht nicht satt obwohl wir fleißig alles konsumieren, was uns
angeboten wird. Die Leere jedoch bleibt und will ständig gefüttert werden.
Nur die Ausübung einer spirituellen Praxis, die die Natur und das, was mit
uns hier lebt und Teil dieser Schöpfung ist, annimmt und einbezieht, kann
uns wirklich tief befriedigen. Wenn wir staunend wie ein Kind den Tanz der
Schneeflocken beobachten, dem Abendlied der Amsel im Frühling lauschen, mit
der Schönheit eines Sonnesaufgang verschmelzen, werden unsere Sinne zu einem
Tor zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Sein.
Folgen wir unserem Sinn für das Schöne, werden Freude und Erfüllung zunehmen
und wir fühlen uns durch das Leben genährt. In Schönheit gehen heißt im
Einklang mit der Natur und den Lebensprinzipien in leichten, fröhlichen und
schwierigen, herausfordernden Momenten den Weg der eigenen inneren Wahrheit
gehen.
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